19.08.2010

Fremde Kulturen - frei Haus

Früher quälte ich mich oft mit der Frage herum, was ich zu Mittag essen soll. Der Dönerladenbesitzer um die Ecke erlöste mich förmlich, in dem er neulich eine Liste täglich wechselder Sonderangebote aufhing: "Guckst du da, ißt du jeden Tag günstig und schmeckt auch gut!" sagte er augenzwinkernd, weil wir beide wissen, dass er auch absolut fließend Hochdeutsch spricht.

Tja, und so esse ich Montags Pizza, Dienstags Börek, Mittwochs einen Dönerteller usw. usf. Und während ich so in seinem Laden sitze, staune ich immer wieder, wie es der Mann so neben seinen Dönerspießen aushält. Im Winter OK, aber im Hochsommer?! "Kannst du nix machen, Dönereis ist noch nicht erfunden!" grinst er und nimmt einen Schluck aus einer Wasserflasche, die so groß ist, dass er sie mit zwei Händen halten muss. "Wie kleines Baby!" lacht er.

Tja, nun ist aber seit dem 11. August Ramadan. Und da macht er mit - das bedeutet, zur Zeit gibt es keine Wasserflasche. "Geht schon!" sagt er, "dann muss ich halt zum Frühstück ordentlich trinken - und dann am Abend wieder!". Respekt! Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich so mit viel Appetit bei ihm zu Mittag esse. "Nee, is' gut so! Ich muss auch im Ramadan die Miete zahlen - oder du kommst zum Abendessen...".

Wieder zu Hause, googlte ich gestern die Ramadanregeln, wann man essen darf, wann nicht, was sonst noch verboten und erlaubt ist. Passen die Koranübersetzungen, ist das Ganze sehr großzügig angelegt und die strenge der Regeln erwächst eher aus der eigenen individuellen Interpretation. Kein Sex tagsüber?! Interessanter Ansatz! Macht man das so ausserhalb des Ramadans? Wann ist Sonnenuntergang? Wann endet die Nacht, während der man ja essen und trinken darf? Fragen über Fragen - die wir dann heute beim Mittagstisch (vegetarisch für mich, offensichtlich hat mich das Thema in meinem Appetit gebremst) behandelten.

"Kein Problem!" winkte er ab, "Dafür gibt es in der Moschee einen Kalender, da stehen die Zeiten. He, stell dir mal vor: Ramadan im Hochsommer in Finnland oder Norwegen! Da wird es nicht dunkel - da würde man ja sonst verdursten und verhungern!". "Hm, wenn ich richtig verstanden habe, kann man den Ramadan auch nachholen, wenn die Umstände die Teilnahme am eigentlichen Ramadan nicht zulassen..." Er bedient kurz den nächsten Kunden, überlegt und meint - wieder lachend: "Dann aber im Winter, dann geht die Sonne gar nicht auf!" Tja, ob so die reinigende Wirkung noch gegeben ist? Dann doch lieber bei Sonnenschein nach dem Kalender in der Moschee.

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