22.10.2008

Meister Eckhardt

Während meiner Studienzeit hatte ich - damit ich nicht dumm sterbe - eine Psychologievorlesung bei einem Dozenten Namens Eckhardt besucht. Dieser Mann kam mit seinem spitzen Kinnbart und vielen, sehr weisen Sprüchen sehr gut bei uns Studenten an. Nicht zuletzt deshalb nannten wir ihn unter uns immer nur Meister Eckhardt.

Eine Eigenart von ihm war, uns zu erklären, wann man tot ist. So sagte er einmal: "Wenn sie keine Leidenschaft haben, dann sind Sie tot! Eine Leidenschaft zu haben bedeutet, etwas zu riskieren, die Herausforderung zu suchen und sich ihr zu stellen. Nur so wachsen Sie, nur so entwickeln Sie sich. Wenn Sie sich nicht mehr entwickeln, dann sind Sie tot.".

Solche Sätze findet man natürlich toll, aber letztendlich erschließt sich der Sinn einem ernsthaften Studenten, der täglich lernt, sich den Prüfungen stellt, der sich täglich weiter entwickelt, nicht ganz. Ist ja auch klar, er lebt und kann es sich auch gar nicht anders vorstellen.

Jahre später ist mir jedoch bewusst, was er gemeint hat. Schlimmer noch - mir wird deutlich, dass ich von Toten umgeben bin! Menschen, die tagein tagaus das selbe tun, nichts mehr dazu lernen, jammern ohne Ende, sich aber der Herausforderung, ihre Situation zu ändern, nicht stellen. Ihr Leben unterscheidet sich von dem eines Ackerochsen nur dadurch, dass sie einerseits mit dem Auto zu Arbeit fahren und andererseits, dass sie, wenn sie nicht mehr arbeiten* können, ins Altersheim statt in den Schlachthof abgeschoben werden.

Ich will nicht tot sein, und deswegen mache ich öfters mal was neues. So habe ich wie einst Meister Eckhardt einen kleinen Lehrauftrag an der FH angenommen und hatte heute meie erste Vorlesung. Und was soll ich sagen? Die Studenten haben ein paar mal gelacht und sind sogar nach der Vorlesung noch für einen kleinen Plausch geblieben. Ich hoffe, dass ich einigen von ihnen, wie einst Meister Eckhardt mir, das Leben retten kann.


* Mit Arbeit meine ich nicht den Beruf, die Berufung an sich, sondern stumpfsinnige eintönige sich wiederholende Arbeit. Arbeit, die das Gehirn zur Rosine verkümmern und der Rosine auch keine Chance auf neuerliche Entfaltung lässt.

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