26.11.2007
Schatten der Vergangenheit
Ian Christ / 22:26 /
Familienmensch / Link / Keine Kommentare / Keine Trackbacks
Das Gebäude, das sie so lange betrachtet hat, ist das neue jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum. Und natürlich interessiert es mich, was daran jetzt so schade ist. Also laufe ich ihr hinterher, habe Mühe, mit ihr Schritt zu halten, und erst im Park schaffe ich es, noch immer etwas ausser Puste, ihr die Frage zu stellen.
"Ach! Schau es dir doch an!" schimpft sie, "Ich könnte heulen! Was hat die Geschichte aus uns gemacht?! Wir sind über die ganze Welt verteilt, leben in allen Kulturen. Wir könnten die Kosmopoliten schlechthin sein, das Bindeglied zwischen den Kulturen. Wir wurden Opfer eines der größten Völkermorde aller Zeiten. Wer wenn nicht wir wäre prädestiniert dafür, der Welt ein wenig Frieden zu bringen! Und sei es nur durch Gastfreundschaft. Eine warme Stube, eine Tasse Tee, etwas Gebäck. Gerade jetzt, wo es so kalt ist! Und was machen wir? Unser Gemeindezentrum sieht aus wie der Dienstsitz irgendeines Geheimdienstes: hohe Zäune, überall Kameras. Sogar das Haus selbst hat Stacheln! Als Gestaltungselement! Der ganze Komplex sagt förmlich 'Lasst uns bloss in Ruhe!'.
Das Gebäude ist Paranoid, als ob es Angst vor allem und jedem hätte. Und als ob darin ganz schwache Menschen arbeiten würden, die so einen hohen Zaun brauchen, weil sie selbst keinem eins auf die Nase geben können, falls er ihnen blöd kommt."
Sie verschnauft kurz, denkt nach.
"Oh Mann!" seufzt sie, "Das waren unsere Grossväter, deine und meine, die nicht miteinander klar kamen. Wollen wir uns ewig selbst in Sippenhaft nehmen? Meine Großeltern wanderten Gott sei dank rechtzeitig aus, meine Tante Hannah hat ihre Heimat so geliebt, dass sie sich dafür umbringen lassen hat! Dein einer Großvater war ein Trotzkopf, der erst recht 'beim Juden' gekauft hat - er bekam gleich eins auf den Deckel. Und dein anderer Großvater war ein ganz überzeugter - er bekam dafür später eins auf den Deckel! Aber das ist lange her. Wie wollen wir in Zukunft so eine Scheisse vermeiden, wenn wir uns in solche Bunker zurückziehen?!"
Ich habe Hannah lange nicht mehr so wütend erlebt. "Na ja," versuche ich zu rechtfertigen, "es gibt auch heute noch ziemliche Idioten...".
"Klar! Und deswegen sperrt man sich sicherheitshalber und symbolisch gleich selber ein! Na Klasse!". Dann sagt sie leise, fast resigniert "Ich will nach Hause!".
Ich muss dazusagen, dass Hannah zwar einen Israelischen Pass hat, aber keine praktizierende Jüdin ist. Ich habe im übrigen sehr oft das Gefühl, dass sie Religion und Staatsangehörigkeit strikt trennt und sich als Jüdin bezeichnet, wie man mich als Christen bezeichnet (weil getauft, auch wenn ich selbst eher ein atheistisches Weltbild habe). Und deswegen verwundert es mich auch nicht, dass sie zu Hause als Erstes den Weihnachtskarton aus ihrer Garage holt und alles aufbaut und anschliesst, was er hergibt: Schwibbögen für jedes Fenster, einen Adventsstern für meinen Korridor, diverse Engelchen, die sie in kleinen Gruppen in ihrer Bücherwand aufstellt, eine Pyramide für den Couchtisch sowie sieben (!) Adventskalender. Als sie die Kerzen anzündet, singt sie leise vor sich hin.
Später, am Abend ist dann eine Freundin von ihr zu Besuch, Anne-Marie, Sozialpädagogin, unheimlicher Körperumfang, aber ein wahres Energiebündel, das merkwürdigerweise immer nur in der dunklen Winterzeit zu uns zu Besuch kommt (ihre Begründung: im Sommer hab ich ja den Garten, da müßt ihr dann kommen!). Sie trinken Unmengen von diesem fürchterlichen Zimttee und essen Spekulatius bis keiner mehr da ist. Und Anne-Marie sagt immer wieder: "Oh, wie schön gemütlich ihr es habt!", woraufhin Hannah immer wieder mit dem Kopf nickt und sagt "So soll es sein!". Dann lachen die beiden, weil sie das heute schon so oft gesagt haben.
In der Nacht, als die Heizung schon zurückgeschalten hat und es ein wenig kühler wird, brennen nur noch die Schwibbögen in den Fenstern. Ich kuschele mich im Bett ganz dicht an meine Frau und bin glücklich, dass sie keine Stacheln hat. Und als ob sie meine Gedanken erraten hätte, sagt sie "Aber du stachelst! Ist trotzdem sehr schön mit dir!
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