05.11.2007
Voll verstrahlt
Ian Christ / 12:12 /
Techniker / Link / Keine Kommentare / Keine Trackbacks
Als ich aus der Bahn ausstieg, war mir klar, dass auf diese Art und Weise allein durch den Glauben ein Handy durchaus einen schweren Herzinfarkt verursachen kann. Zweitens überlegte ich mir aber natürlich, was denn in einer Strassenbahn feldmässig los ist. Ich meine, wenn da einhundert Leute drin sitzen, alle mit einem Handy, mehr oder weniger gut abgeschirmt durch das Blech der Bahn und diese Handys durch die Bewegung permanent mit maximaler Sendeleistung von 1-2 Watt pro Gerät versuchen, Kontakt zum nächsten Mast zu bekommen, dann sind in der Bahn schnell mal 200 Watt unterwegs - wobei die Feldstärke oder richtiger die Leistungsflussdichte mit der Distanz zur Antenne quadratisch abnimmt (die genauen Formeln zum Nachrechnen gibt es hier).
Tante Gerdtrud wiederum hat seit gut einem halben Jahr einen Mobilfunkmast in Sichtweite; ich schätze mal, dass der etwa 100m weit weg ist. Seit der dort steht, hat sie Kopfschmerzen - sagt sie zumindest. Tatsache ist aber auch, dass ich bei meiner Tante erst seit gut drei Monaten wirklich einen prima Handyempfang habe, früher musste ich immer ans Fenster oder ganz nach draussen gehen. Ich vermute daher, dass der Mast erst seit drei Monaten läuft und der Tante Kopfschmerzen eher da waren als das elektromagnetische Feld des Sendemasts.
So eine Sendeanlage feuert mit etwa 20 Watt pro Antenne, lassen wir da mal 4 Antennen am Mast hängen und runden grosszügig auf, dann kommen da 100 Watt raus. Erst mal auch nicht schlimmer als in der Straßenbahn.
Wie aber ist das mit der Entfernung? Vergleichen wir mal mein Handy, dass mit einem Watt suchend auf meinem Schreibtisch liegt (1m Entfernung) mit dem Handymast, der 100m Entfernung steht. Von wem bekomme ich mehr ab? Nun, das Handy beglückt mich mit 0,08W/m², der Mast mit 0,0008W/m². Warum? Nun, ganz einfach deshalb, weil die Leistungsflussdichte wie schon gesagt im Quadrat der Entfernung zur Antenne abnimmt (die verwendete Formel ist nur ein Modell, ev. Richtwirkungen der Antenne, Dämpfungen durch Gebäude etc. oder auch die eigene körperliche Ausdehnung - immerhin ist die Nasenspitze näher am Handy auf dem Schreibtisch als der Hinterkopf - bleiben unberücksichtigt).
Nur des Spasses halber schaffen wir jetzt noch einmal das Handy in die Teeküche (10m) und holen den Handymast auf das Nachbardach (auch 10m). Schwupps, schon bekommen wir vom Handy nur noch 0,0008W/m² und der Mast leuchtet einen mit 0,08W/m² aus. Mit anderen Worten, ein wirklich grosszügig ausgestatteter Mobilfunkmast in zehn Metern Entfernung hat die gleiche Wirkung wie ein Handy auf dem Schreibtisch - wenn er überhaupt eine Wirkung hat.
Tatsache ist aber auch, dass da ja nicht nur der Mobilfunk strahlt. Was ist mit WLAN (0,5m vor meiner Nase im Notebook, 0,03 Watt - 0,01W/m²) oder dem alten DECT-Telefon (Basisstation in 5m Entfernung, 2 Watt - 0,007W/m²)? Und wie ist das, wenn ich den halben Tag am schnurlosen Telefon hänge, ganz ohne Abstand? (0,01m, 2 Watt - 1600W/m² - Autsch! Hier zeigt sich, dass das Rechenmodell bei sehr nahen Feldern versagt - wo soll denn bitte einmal so viel Leistung herkommen? Das Handy hat ja nur ein bis zwei Watt. Und wie soll bitte der Quadratmeter Fläche aussehen, der einen gleichmässigen Abstand von einem Zentimeter zu einer idealerweise punktförmigen Strahlungsquelle hat?! Aufgewickelt oder wie?!)
Fazit:
a) Wenn der Mobilfunk wirklich echte (und keine psychosomatischen) Auswirkungen hat, dann sollte man sich eher vom eigenen Handy fern halten als von den Masten, die ja eh immer in grösserer Höhe thronen. Und man sollte auch auf den Luxus, den WLANs und schnurlose Telefone bieten, verzichten.
b) Mehr Handymasten, dichter gestellt wären besser, da die Funkzellen dann kleiner würden und die Masten dann mit geringerer Sendeleistung arbeiten könnten. Und die Handys müssen auch nicht voll feuern, um bis zum nächsten Mast zu kommen.
c) CB-Funker müssten deutlich häufiger an entsprechenden Gesundheitsstörungen leiden als andere Menschen, da CB-Anlagen locker und gerne 10 bis 100 Watt abstrahlen.
Meine Hypothese zu Gesundheitsschäden durch Elektrosmog: Wir leben in einem chaotischen System. Antibiotika im Fleisch, Formaldehyd in Billigmöbeln, Abgasbelastung durch den Straßenverkehr, chemische Farbstoffe in Klamotten, Stress im Job, Nikotin, Alkohol, falsche Ernährung und so weiter und so fort. All das belastet den Körper mit Sicherheit - und auch unsere Haustiere und Pflanzen sind diesen Faktoren mehr oder weniger ausgesetzt und werden darauf reagieren. Diese Dinge sind aber im wahrsten Sinne des Wortes nicht greifbar. Den Handymast sehe ich aber live vor mit, und wenn ich auf das Dach klettere, steht er physisch mit einigen Metern Grösse vor mir. Viele Menschen glauben nur an sichtbare Ursachen und beurteilen die Wirkung nach der äusseren Erscheinung (also grosser Handymast ist gefährlicher als kleines Handy). Und damit sind Mobilfunkmasten eine prima "Projektionsursache" für viele Beschwerden, die unser gesammtes leistungsorientiertes, gewinnoptimiertes und durchtechnisiertes Gesellschaftssystem mit sich bringt.
PS: Wie ich das bei mir zu Hause halte? Ich habe mein Handy normalerweise im Korridor liegen, nutze ein altmodisches schnurgebundenes Telefon und habe weder WLAN noch drahtlose Tastatur.
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