28.10.2007

Ein Zeichen

Ich geb es zu, auch wenn mein Name es vielleicht so aussehen lässt, ich bin kein sehr religiöser Mensch. Ich kann mich mit dem Gedanken eines alles lenkenden und bestimmenden Gottes nicht anfreunden. In Anbetracht all des sinnlosen Leides auf dieser Erde bekomme ich, sobald ich mir diesbezüglich den Kopf zerbreche, sehr schnell das Gefühl, eine Art Ratte zu sein, die sich gemeinsam mit nunmehr über sechs Milliarden anderen Ratten in einer Art gigantischem Versuchskäfig befindet. Wobei ich mir noch nicht mal sicher bin, ob das alles echte Ratten sind, oder ob da vielleicht die meisten nur Täuschungen sind, die den Ratten im Experiment vorgaukeln sollen, dass da ganz viele von ihnen wären.

Egal. Viele meiner Mitmenschen, die ganz überzeugt an Gott glauben, spüren angeblich auch seine Existenz oder glauben sogar, sie Beweisen zu können. Schön, das ist dann so, als ob die Ratte im Labor beweisen kann, dass es einen Biologen gibt, der sie untersucht. Recht praktisch geht das, wenn der Biologe ab und zu mal in den Käfig greift und da irgendwas umstellt.

Heute war ich auf dem Weg zum Einkaufen, als ich so etwa 25 Meter vor mir einen Mann bemerkte - etwas schmutzig die Kleidung, der Gang etwas unsicher, aber zielstrebig. In den Händen hielt er einmal einen Karton billigsten Wein und in der anderen eine Flasche ebenso billigen, aber hochprozentigen Schnapps. Das war wohl seine Abendration. Kurz vor meinem Supermarkt steht eine Kirche, und wie der Mann genau auf der Höhe des Kircheneingangs ist, fällt ihm die Flasche aus der Hand. Er steht einen Moment wie benommen da, setzt sich dann auf die Stufen des Eingangs und sieht zu, wie der Korn sich seinen Weg in die Kanalisation sucht. Dann sieht er sich um und bemerkt, dass er vor einer Kirche sitzt. Er überlegt einen Moment, dann geht ein Ruck durch seinen Körper, er steht auf, sieht seinen Wein an, der noch auf der Treppe steht und schüttelt den Kopf. Er steigt die paar Stufen zur Kirchtür hinauf und möchte in die Kirche gehen. Die Tür aber ist verschlossen, und so kehrt unser Mann um, greift sich resigniert seinen Weinkarton, schiebt die Scherben seiner Schnapsflache mit der Fußspitze etwas an den Rand und setzt seinen Weg fort. In solchen Momenten glaube sogar ich, dass hinter all dem, was mich umgibt, noch etwas anderes steckt.

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