22.10.2007
New-Dresden
Ian Christ / 22:35 /
Philosoph / Link / Ein Kommentar / Keine Trackbacks
Während das Einbaunavi meine abweichende Route sehr schnell akzeptierte, forderte meine kleine Kiste weiblich-wehement noch auf der Brücke "Wenn möglich bitte wenden!" - "Jetzt wenden!". Das war übrigends das einzige Mal, dass mein Navi "Bitte" gesagt hat, sonst herrschte ein eher rauher Befehlston im Fahrzeug vor. Den lasse ich mir zwar von einem Mann gefallen, bei einer Dame kommt das aber nicht so gut. (Man könnte mich jetzt erschlagen, ich wüsste nicht, ob das Einbau-Navi "bitte" gesagt hat. Jedenfalls fand ich seine Formulierungen nicht so fordernd.) Egal, Navis streiten lassen ist sehr lustig und alle mal besser als im Radio immer das gleiche zu hören.
Wieso hab ich aber nun Pech gehabt? Nun, ich habe eine Stadt verloren. Ja, es war ein (erfolgreicher) Arbeitsaufenthalt, so dass mir nur wenig Zeit für die Stadt blieb. Vielleicht war das auch gut so, denn ich habe den Fehler gemacht, bei Tag in die Stadt zu gehen und so gleich alles auf einmal zu sehen, statt mich Nachts von den erleuchteten Schaufenstern blenden zu lassen.
Als Kind habe ich oft meine Ferien in Dresden verbracht (jaja, die Stadtkinder schickt man auf's Land, und mich verfrachtete man aus meinem Nest in die Stadt). Ich liebte diese Stadt, weil es dort ein paar für mich wirklich hohe Häuser gab, dazwischen aber riesige Freiräume peniebelst gepflegter Rasenflächen (vermutlich hatte ich damals schon leicht autistische Neigungen und Dresden verschonte mich in seiner überschaubaren Weite mit Reizüberflutungen). Dass da mal noch früher jede Menge Häuser standen, die im Krieg zerstört wurden, das war mir nicht klar. Dresden war für mich - abgesehen von der Frauenkirche, die ich als Mahnmal akzeptierte und die neben altem Wochenschaumaterial mit dafür verantwortlch war, dass ich mir den Krieg schwarz-weiss vorstellte - wieder aufgebaut.
Und heute?! Die Frauenkirche steht wieder (in gelbem Sandstein!), und drum herum entsteht der Neumarkt wieder. Aber alles ist so blitzsauber, so rosa und helblau und mintgrün, dass ich das Gefühl habe, in Disneyland zu sein. Sekunden später kommt mir der Gedanke, das hier irgendein DDR-Feiertag vorbereitet wurde, und das man nur die Fassaden herausgeputzt hat und die Hinterhöfe noch alt sind (war ja in der damaligen Strasse der Befreiung so).
Der Altmarkt wiederum (zumindest das, was ich alles für den Altmarkt hielt) ist nur noch halb so groß und eine Baugrube - wird das auch noch zugebaut? Der Rest ist schon mit Glas und Stahl geschlossen - inklusive dunkler kalter Strassenzüge (aber mit prima Schuhläden und echt knackigen Verkäuferinnen mit einem unschlagbar gemütlichem Dialekt, so dass es einem plötzlich überhaupt nicht mehr peinlich ist, dass man ein Paar Hausschuhe sucht).
Die Prager Straße das gleiche: Glas und Stahl, das Rundkino zu- und eingebaut, die aus DDR-Zeiten übrigen Bauten kommen einem fehl am Platze vor. Im Bereich Altstadt gibt es das Dresden, das ich kannte, nicht mehr. Ich flüchtete in die Neustadt, zumindest hier ist die Welt noch in Ordnung (Blödsinn, hier hab ich nur aufgepasst, wie die Häuser nach der Wende wuchsen). Eine Tasse Kaffee und ein Stück Eierschecke und ich wurde wieder ruhiger - auch wenn es das Eiscafe, in dem ich als Kind fast täglich eine Kugel Eis verzehrte, auch schon lange nicht mehr gibt. So lange das Haus noch steht...
Ist schon komisch, wenn man in eine Stadt kommt, die man glaubt zu kennen, und dann gibt es da zwischen dem altbekannten ganze Häuserblocks, die vollkommen neu sind. Was lernen wir daraus? Ofters wiederkommen, damit einen die Veränderungen nicht erschlagen. Und die Frau mitbringen, die kann den gemütlichen Dresdner Dialekt nämlich so gut nachmachen, dass man sie für eine Einheimische hält.
PS.: Nach meinem Besuch verstehe ich das Gezerre um die Waldschlößchenbrücke nicht mehr. Wer ohne Bedenken um's Weltkulturerbe all diese hypermodernen Glitzerpaläste zulässt, der braucht sich auch wegen der Brücke (die mit ihrem Bogen ja durchaus klassische Formen aufnimmt) nicht ins Hemd zu machen. Da lass ich die Kleine Hufeisennase schon eher gelten, die sicherlich in den Glaskästen auch kein zu Hause findet.
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Kommentare 
Hannah / 22.10.2007, 23:36 / Link
Hej, alter Erinnerungsspaziergänger! Böser Fehler - du bist genau dort lang gelaufen, wo man gebaut hat. Um die Petersburger Straße sollte noch alles aussehen wie gewohnt.

