18.03.2007
Ewig gestriger
Ian Christ / 22:58 /
Techniker / Link / Keine Kommentare / Keine Trackbacks
Als es dann keine zwei Minuten später bei mir klingelte, wußte ich, dass ich richtig gehört hatte. Es war tatsächlich Michael.
"Hey Alter", meinte er, "Wollte nur mal sehen, wie es dir so geht...". Dazu muß man wissen, dass ich in meiem Freundeskreis derjenige bin, der für den Bereich innere Emigration zuständig ist, wohingegen Michael eher der Fraktion Depression und Antriebslosigkeit angehört. Das bedeutet aber nicht, dass er nix macht - nein, er hat vielmehr schon alles gemacht, und nix war für ihn wirklich lohnend.
"Da kannst Du machen, was du willst", sagte er und blies in den Schaum seines Cappuchinos, den ich ihm kredenzt hatte, "wenn Du auf der Überholspur lebst, bist du mit Mitte 30 fertig!". Ich nickte und räumte das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine. "Ich weiss, was ich kann - und weil das keine Herausforderung ist, macht das keinen Spaß mehr. Wozu soll man das dann tun?", philosophierte er weiter, "Und ich weiß, was ich nicht kann. Wozu sollte ich etwas anfangen, wo ich von vorn herein zum Scheitern verurteilt bin? Da kannst du dich nur noch extrinsisch motivieren!". Ich dachte an sein Auto, Resultat einer harten, aber langweiligen Programmierarbeit an einem Onlineauftritt. "Es muss doch irgendetwas geben, was dir um der Sache willen Spaß macht...", fragte ich. "Klar,", grinste er zurück, "An PCs rumschrauben und Krimis lesen. Aber einen Informatiker mit FH-Abschluß stellt keiner als PC-Techniker ein, und als Vorleser bin ich ganz schlecht - und zu langsam. Ich kann nur still schnell lesen.".
Was das PC schrauben anging, da konnte ich ihm auch nicht weiterhelfen - an einem iMac der ersten Generation gibt's einfach nix zu schrauben. Obwohl, ein PC für Arbeit, Musik und Film würde mir schon gefallen. Ich machte eine vorsichtige Andeutung in diese Richtung.
Nach dem ich es von amtlicher Informatikerseite hatte, dass meine Ausstattung ja geradezu antiquarisch sei und ich mich damit als ewig gestriger zu erkennen gäbe, plante Michael sofort eine Alternative durch. Multibootsystem, 6.1-THX-Sound, Leinwand vor dem Fenster, Beamer über der Bar, 24-Zoll-Breitbild-Monitor, Mini-PC in Silentkonfiguration... Er war in seinem Element. Ich kann mir das Zeugs zwar alles gar nicht leisten - aber schön, dass wir mal drüber geredet haben.
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